Monday, October 10, 2011

Zwei dicke Comics: HABIBI und SEVEN SOLDIERS OF VICTORY

Ich fühle mich in letzter Zeit wie der Bassist einer Punkband, der heimlich Supertramp hört. Auf der einen Seite ein kulturell und künstlerisch wertvolles erzählerisches Meisterwerk von einem Autorencomic, auf der anderen Seite ein vierbändiger Superheldenmammut mit so idiotischen Gestalten wie Frankenstein und einem Ritter der Tafelrunde als Protagonisten. Und am Ende des Tages war es das Superheldenbuch, das ich unter mein Kissen legte.

Ich werde noch nicht mal VERSUCHEN, zwischen den beiden Büchern irgendeine Beziehung herzustellen. Es sind zwei Comics, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, SEVEN SOLDIERS zum zweiten Mal, und ich möchte gerne etwas darüber schreiben. Es ist ja immer SEHR dünnes Eis, wenn Comiczeichner über Comiczeichner schreiben. Ich erinnere mich an einen Podcast, wo sich drei Comiczeichner darüber ergingen, wie scheisse doch BLANKETS war. Und die Wahrheit ist, weder einer dieser drei, noch ich, for that matter, werden wohl jemals ein Buch machen, das BLANKETS an Bedeutung gleichkommt. Ich werde auch versuchen, nicht in die alte Kritikerfalle zu gehen, meine Meinung so darzustellen, als sei sie ein Faktum. Ich mochte die Kritikbücher von Nick Hornby, in denen Hornby für seine Rezensionen sehr persönliche, bescheidene Worte findet.

HABIBI
Zunächst also HABIBI, dessen Werdegang ich immer wieder mit aufgerissenenen Augen im Doot-Doot Garden verfolgt habe. Man kann viele Einwände haben gegen den Vorgänger BLANKETS, wie den teilweise schon arg sentimentösen Ton - "ach, wie kann ich denn Zeichnen, wenn meine Muse direkt neben mir sitzt?". Teilweise erinnerte mich Craig Thompson fragil-verletzlich-sensibler Ton an den Prinzen auf RITTER DER KOKOSNUSS, der sehnsuchtsvoll im Fenster sitzt und "einfach nur ... singen" will. Aber abgesehen davon war BLANKETS ein sehr intimes, aufrichtiges und mutiges Buch, dass zeigte, wie wenige andere Bücher zuvor, wozu eine Grafik Novel, speziell ein Autorencomic, fähig ist. Die Person Craig Thompsons war in jedem Strich fühlbar, und es war der Stil, zusammen mit der Story, die die Kraft des Buches für mich ausmachte. Allerdings war ich auch amtierender MISTER SENTIMENTAL 2002-2006 einschliesslich, daher hatte ich, im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen, kein großes Problem mit dem pathetischen Gutmenschenton dieses Buches.

Und jetzt HABIBI, ein unglaublich komplexes, vielschichtiges Werk, dessen Thema schwer zu fassen ist. Aber am Ende des Tages würde ich sagen, Thema ist die arabische, orientalische Kultur in all seinen Facetten, ebenso wie, tatsächlich, das gemeinsame Erbe von Christentum und Islam. Es geht um Religion und die feinen Verwebungen der arabischen Kultur mit den Prinzipien des Lebens und des Universums. Es nutzt alle Möglichkeiten des Mediums in einer vollendeten Form, und die Form ist perfekt für den Inhalt. Es ist ein meisterhaftes, unendlich vielschichtiges tiefgründiges Werk.

Wo ist also mein Problem?

Als Basis seines Buches wählt Craig Thompson die Geschichte der beiden Sklavenkinder Dodola und Sam, die sich als Kinder bereits früh durchschlagen müssen und danach echt. was. durchmachen. Heftiges, verstörendes Zeug. Kauzigerweise erinnerte mich der Plot des Buches selbst an die Cover der Angelique-Romane, die meine Mutter früher immer las: Angelique in Ketten im Kerker, als Konkubine des Königes, Sklavin, Herrscherin, das ganze Programm. Der eigentliche Plot von HABIBI ist da gar nicht so unuähnlich, ein mitreissender, aber letztendlich nicht allzu tiefgründiger Historiengroschenroman um arme, enführte Kinder, die ein bitteres Schicksal erleiden. Und die Düsterkeit dieser Geschichte war für mich teilweise schwer zu verknusen. Mir fehlt das "ist nur ne Geschichte"-Gen. Ich sehe oder lese eine Geschichte und nehme die Ereignisse als sehr real wahr. Ich liebe meine Lieblingsautoren (auch) dafür, dass ihr Ton und ihre Sicht der Welt der meinen verwandt sind. Ich liebe sie dafür, dass sie mir nicht allzuviel Gewalt und Verstörung zumuten. Eine Vergewaltigungsszene in HABIBI dauert sieben quälende Seiten. Ich bin sicher, Thompson hatte viele Gründe, die Szene so zu schreiben. Charakter und Ton der Geschichte ist sehr tief eingebettet in die orientalische, arabische Erzählkultur. Aber ich brauche diese Szene nicht sieben scheiss Seiten lang. Und dann gibt es Versklavung, Kerker, Verstümmelung und alles was sonst noch wehtut im Morgenland. Erzählt auf eine Weise, die gleichzeitig sehr reel ist, die Ereignisse aber mit dem Gleichmut eines Märchens aneinanderreiht, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun.Und ich hatte bei Craig Thompson nicht zum ersten Mal das Gefühl, dass er Sex und menschliche Körperlichkeit generell auf eine bizarre, distanzierte, verzerrte Weise sieht, wie ein Kind, das ein Insekt auseinanderrupft. Bei aller Emotionalität bleibt die Erzählung immer noch sehr distanziert. Es gibt Szenen in HABIBI, die ich so gar nicht zusammenkriege mit dem filigranen Gutmensch aus BLANKETS.

Also, ein Meisterwerk, wenn auch ein sehr problematisches. Die beste Nachricht ist, dass dieses Buch, einmal mehr, zeigt, wozu das Medium fähig ist, und dass ein gebundener Comicroman von hunderten von Seiten ein Bestseller werden kann. Und es hagelt sehr euphorische Rezensionen, wie diese von der wunderbaren Rezensionsseite www.goodokbad.com , die, was sehr selten vorkommt, Comics neben Mangas rezensiert.

SEVEN SOLDIERS OF VICTORY. Grant Morisson


Wenn mir jemand vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich mal von einer Comicgeschichte begeistert sein würde, in der Frankenstein in der Zukunft gegen Monster kämpft, die die Welt bedrohen, hätte ich ihm meinen Chai Latte über den Kopf gegossen. Aber, ach, genauso kam es. SEVEN SOLDIERS. Eine Ausgangsstory, dass sich einem die Haare kurbeln. Protagonisten wie Kraut und Rüben. Grant Morisson nahm sich seinerzeit eine Handvoll C-Promis aus dem DC-Universum, also quasi die dämlichsten, lächerlichsten "Superhelden", die keiner mehr sehen wollte, und erweckte sie in einer sehr ambitionierten Serie von dreissig Einzelheften zu neuem Leben. Und das auf fulminanteste Weise. Er schafft komplexe, fühlbare Figuren, und um sie herum jeweils eine eigene Ästhetik und einen Erzählrhythmus. Sieben komplette Geschichten, eigenständig und doch verwoben. Und die Selbsthilfegruppe für Superhelden mit geringem Selbstwertgefühl ist nur eine von hunderten großartigen Ideen in diesem Comic.

Die Prämisse im Groben: Immer wenn eine Kultur ihren Höhepunkt erreicht hat, fällt ein arges grünes Volk, die SHEEDA, wie ein Schwarm Hornissen über die Kultur her und plüdert sie, bis nur noch Staub und Asche bleibt. Das war, wie wir erfahren, bei vergangenen Königreichen der Fall, und jetzt wäre gerade unsere Epoche fällig. Die Näher der Zeit bestimmen sieben "Helden", die zusammen die Sheeda besiegen sollen, aber die Sache hat einen Haken: Die sieben Helden dürfen nicht voneinander wissen. Long story. Also gibt es eine höhere Macht, die dafür sorgt, dass diese sieben Helden die Welt retten, ohne voneinander zu erfahren. Das Ende dieser Geschichte ist ambivalent und fulminant zugleich.

Grant Morisson spielt generell mit dem Medium und den Genres wie die Katze mit der Maus. die Erzählung selbst wird zum Thema. Was man also kriegt bei SEVEN SOLDIERS OF VICTORY, sind sieben Geschichten mit sieben Helden erzählt in sieben Genres, mit jeweils einem eigenen Ton, Rhythmus und Stil. Die Geschichte sind gleichzeitig immer auch eine Studie der Stilmittel der jeweiligen Genres. Die Geschichten funktionieren als eigenständige Stories und sind doch auf genialste Weise verstrickt. Und während bei Autor / Zeichner-Kollaborationen die Seitenlayouts für mein Empfinden oft steif und unkreativ werden - das ist häufig mein Empfinden bei Y - THE LAST MAN und SANDMAN, bei aller Großartigkeit dieser Bücher - , explodieren hier die Layouts, dass es einem in den Ohren surrt. Der Einfluss des genialen Zeichners J.H. Williams III bei vielen der Seitenlayouts ist mehr als deutlich. Der schiere Einfallsreichtum und die grenzenlose Phantasie, in der Gestaltung wie auch vor allem in den Stories, haben mir die Backen auf vierzig Grad getrieben vor Begeisterung.

Im Moment lese ich die INVISIBLES, und während ich da noch nicht ganz weiss, was ich daraus machen soll, ist es schon merkbar, dass Grant Morisson ein Autor ist, der das komplette Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten beherrscht und ein unglaublich intelligenter, meisterhafter Erzähler ist. SEVEN SOLDIERS OF VICTORY ist das Dream Theater unter den Comics. Invisibles ist Siebziger-Jahre-Prog-Rock. Die Soli sind manchmal zu lange. Aber es gibt genügend großartigen, bewegende Moment, und einen weiteren Einblick in die grenzenlose Phantasie von Grant Morisson. A book shouldn't be a mirror, sagte mal Fran Lebowitz, it should be a door. I want to be taken. Und wahrscheinlich rührt meine Begeisterung daher, dass mich SEVEN SOLDIERS mitgerissen hat, wie lange kein Comic mehr.

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